Schulverweigerung bei sensiblen Kindern: Wenn der Schulweg zur Hürde wird
7:12 Uhr, Flur, Ausnahmezustand
Kennst du diese Morgen? Die Brotdosen sind gepackt, das Geschwisterkind sucht seinen zweiten Turnschuh (natürlich), du hast in vierzig Minuten einen Termin. Und dein Kind steht im Flur, die Jacke halb an, und sagt mit Tränen in den Augen: „Ich kann heute nicht in die Schule gehen.“
Was dann passiert, ist in den meisten Familien völlig nachvollziehbar. Du verstehst es nicht, gestern ging es doch auch. Du redest gut zu, du wirst etwas bestimmter, du schaust auf die Uhr, und die Uhr schaut unerbittlich zurück. Morgens ist in fast jeder Familie jede Minute fest verplant, und genau diese Minuten verstreichen jetzt zwischen Tränen, Verärgerung, Anspannung und Angst.
Am Ende stehen im Flur zwei Menschen, die beide völlig überfordert sind. Und beide haben recht.
Ich habe diese Situation mehr als 25 Jahre lang von der anderen Seite der Schultür erlebt, als Lehrerin und Beratungslehrerin in Hamburg. Heute begleite ich Eltern durch genau diese Morgen.
In diesem Artikel möchte ich dir zeigen, was aus meiner Sicht oft hinter der Schulangst und Schulverweigerung sensibler Kinder steckt – und warum sie einiges mit unserer heutigen Art zu leben zu tun hat.
Stille Kinder gehen im Klassenzimmer manchmal unter
Für besonders sensible und empfindsame Kinder ist die persönliche Beziehung zur Klassenlehrerin oder zum Klassenlehrer kein nettes Extra. Sie ist das Fundament. Ein Kind, das sich gesehen und angebunden fühlt, das morgens beim Namen begrüßt wird und weiß „Die ist für mich da“, kann erstaunlich viel Trubel aushalten.
Nun sieht der Alltag in vielen Klassen so aus: Die selbstbewussten Kinder melden sich zuerst. Die herausfordernden Kinder melden sich auch, nur eben nicht mit dem Finger. Beide nehmen häufiger die Bühne im Klassenzimmer ein, und die Lehrkraft wendet sich ihnen dann oft besonders zu – nicht aus Bevorzugung, sondern weil sie dann lediglich reagiert und zudem für Klassenfrieden sorgen und allen das Lernen ermöglichen muss. (Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche.)
Und die Stillen? Die sitzen brav da, machen keinen Ärger, und genau deshalb bleibt die Beziehung zu ihnen leider oft auf der Strecke. Ein sensibles Kind fühlt sich dann haltlos und unverbunden, auch wenn es niemand bemerkt. In diesem Zustand reicht schon die kleinste Erschütterung, und der Weg in die Schule wird zu einer Hürde, die dem Kind plötzlich unüberwindbar erscheint.
Vertretungsstunde: die kleinste Erschütterung
Spielen wir den Morgen weiter. Dein Kind hat es nach dem Drama im Flur doch noch in die Schule geschafft – aufgewühlt, mit großen Bedenken und dem Gefühl, vom bunten und lauten Treiben gleich überrollt zu werden.
Und dann: Vertretung. Ein Lehrer, den es nicht kennt, kommt in die Klasse. Er kennt natürlich noch kein Kind beim Namen, und allein diese Tatsache kann in einer Grundschulklasse dazu führen, dass nach wenigen Minuten Unruhe herrscht und die Lautstärke stetig steigt. Wer schon einmal eine Vertretungsstunde in einer zweiten Klasse miterlebt hat, nickt jetzt wahrscheinlich.
Für ein sensibles, empfindsames Kind ist das ein Gefühlszustand, der nur schwer auszuhalten ist. Es fühlt sich verunsichert, ohnmächtig und allein. Und es wünscht sich nichts sehnlicher, als in diesem Moment im sicheren Zuhause zu sein, in Ruhe und Frieden, nur mit seiner Familie.
Und nun rate einmal, wie der nächste Morgen im Flur aussehen könnte.
Vom geschützten Garten in die Serengeti
Kaum ein Kind wächst heute noch so auf wie viele von uns: mit einer Horde Nachbarskinder, die in großen Gruppen von Garten zu Garten zieht oder sich ganz selbstverständlich allein auf dem Spielplatz oder dem Fußballplatz trifft. Verabredungen finden heute meist privat statt, geschützt im Kinderzimmer. Bei schüchternen Kindern oft sogar in Begleitung der Mutter, die dann mit der anderen Mutter in der Küche Kaffee trinkt.
Das ist nur ein Beispiel. Aber es zeigt, warum viele Kinder ein öffentliches Klassenzimmer zunächst wie einen Ausflug in die freie Wildbahn erleben müssen – in die offene Serengeti. Und das, obwohl sie bisher selig in einem geschützten, eingezäunten Garten eine kleine Idylle genossen haben. Zugegeben, das Bild ist ein bisschen mächtig. Aber ich glaube, du weißt, was ich meine.
Die Schule ist ein wundervoller, aufregender, bunter Ort. Sie ist aber auch laut, in vielerlei Hinsicht unberechenbar und voller Überraschungen. Und damit stellt sich eine ziemlich unbequeme Frage: Wann und wie haben unsere Kinder seit ihrer Geburt eigentlich gelernt, gesund mit den täglichen Überraschungen des Lebens umzugehen?
Gerade in Großstädten wie Hamburg hat sich Erziehung stark verändert. Zu viele Menschen versuchen auf zu wenig Fläche, ihren eigenen Bedürfnissen nachzugehen, und die Bedürfnisse der anderen geraten dabei mehr und mehr aus dem Blick. Eltern schützen ihre Kinder deshalb, völlig verständlich, vor vielen fremden Einflüssen von außen. Kinder, alte, schwache und eingeschränkte Menschen landen so fast zwangsläufig in einer Art Isolation, die es in früheren Generationen in dieser Form nicht gab.
Auch hier überzeichne ich bewusst ein wenig, aber nur, um sichtbar zu machen, worum es mir geht: Schulangst und Schulverweigerung haben selten nur eine Ursache. Doch für mich sind sie zu einem großen Teil eine Auswirkung unserer veränderten Lebensumstände.
Zu viel des Guten
Wir hüten unsere Kinder sechs, sieben Jahre lang wie unseren Augapfel. Wir schenken ihnen von morgens bis abends maximalen Komfort, Sicherheit, Begleitung, Ansprache und Zuwendung. Ja, du ahnst es schon: Ich möchte hier ganz liebevoll aufzeigen, dass das in vielen Fällen viel zu viel des Guten ist.
Denn genau diese Kinder kommen nach diesen wundervollen, behüteten, geschützten und exklusiven Jahren in die Schule. Und plötzlich hält der ganz normale (Schul-)Wahnsinn Einzug in ihr Leben – den ich selbst mehr als 25 Jahre live erleben durfte.
Wenn ich mit Eltern über die bisherige Entwicklung ihres Kindes spreche, das nun nicht mehr in die Schule gehen kann, wird dieser Bruch oft sehr deutlich. Größer könnte er kaum sein. Und allein kann ein Kind ihn oft nicht überwinden.
Was jetzt hilft
Die gute Nachricht zuerst: Ihr müsst diesen Bruch nicht allein überwinden. Und es geht auch nicht um Schuld, weder um deine noch um die der Schule.
Es geht darum, mit klarem Blick zu verstehen, was unter dem Nicht-zur-Schule-Können deines Kindes liegt. In meiner Elternberatung schauen wir gemeinsam:
was dein Kind gerade verunsichert und was ihm Halt gibt,
wie du morgens um sieben ruhig und klar bleibst, auch wenn der zweite Turnschuh wieder fehlt,
wie dein Kind Schritt für Schritt lernen darf, mit Überraschungen umzugehen,
wie ihr mit der Schule ins Gespräch kommt, damit dein Kind dort wieder eine verlässliche Bezugsperson findet.
Je früher ihr euch Unterstützung holt, desto leichter findet euer Kind meist zurück. Und wenn die Angst sehr groß ist oder lange anhält, gehört auch der Blick von Kinderärztin oder Kinderpsychotherapeut dazu. Auch dabei denke ich gern mit euch mit.
Mut zum Abstand
Wenn ich dir zum Schluss nur einen einzigen Rat mitgeben dürfte, dann diesen: Geh innerlich einen Schritt zurück. Gesunder Abstand zu jedem Ereignis, das dir im Augenblick noch so dramatisch erscheint, ist das Allerwichtigste.
Denn so groß sich der Morgen im Flur gerade anfühlt: Alles, aber auch wirklich alles im Heranwachsen eines Menschen sind Phasen. Das wissen wir eigentlich alle. Wir vergessen es nur gern, sobald um 7:12 Uhr die Tränen fließen und der Bus in 7 Minuten fährt.
Dein Kind ist nicht „kaputt“, und du hast nicht versagt. Ihr steckt gerade in einer Phase, die sich verändern lässt. Für jedes Problem gibt es eine Lösung – manchmal braucht es nur jemanden, der mit etwas Abstand und viel Erfahrung auf das Ganze schaut.
Wie sich so ein Weg anfühlen kann, beschreibt eine Mutter, die ich begleitet habe:
„Wir waren über ein Dreivierteljahr mit der Schulblockade unseres Kindes in der 1. und 2. Klasse gefordert. Unser Kind konnte nicht alleine in der Schule bleiben. Kaja hat uns mit sehr klarem Blick aufgezeigt, was darunter liegt. Wir haben als Eltern konkrete Handlungsideen bekommen und verstanden, wie wichtig unser Halt für unser Kind ist. Unser Kind hatte 5 Sitzungen bei Kaja. Schon nach 2 Sitzungen wich die Angst der Kraft und Freude. Nach 5 Sitzungen ging unser Kind wieder alleine zur Schule und auch die Nachmittage waren wieder geprägt von Entdeckergeist und Freude. Wenn es mal einen ‚Rückfall‘ gibt, bringt Kaja mit Leichtigkeit Licht ins Wirrwarr. Wir sagen vielen Dank für Kajas Präsenz und Hilfe!“
– die erleichterte Mama Steffi
Lass uns sprechen
Genau dafür biete ich mich sehr gern und von Herzen an. Wenn du beim Lesen innerlich genickt hast (oder geseufzt), lade ich dich zu einem kostenlosen Erstgespräch ein. Etwa 60 Minuten, am Telefon, per Video oder bei mir in Hamburg-Klein Borstel – gut erreichbar mit der U1 und der S1.
Herzlich,
Kaja Gerbig
The Family Bliss · Elternberatung in Hamburg und online
kaja@gerbigmail.com
Daten & Fakten zum Thema Schulangst und Schulabsentismus
Wer Zahlen sucht: Ein paar aktuelle Daten zeigen, dass der Morgen im Flur kein Einzelfall ist.
Psychische Belastung nimmt zu: Laut Deutschem Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung fühlte sich 2025 jedes vierte Schulkind psychisch belastet (25 Prozent). Ein Jahr zuvor waren es noch 21 Prozent. Befragt wurden 1.507 Schülerinnen und Schüler zwischen 8 und 17 Jahren im Mai und Juni 2025.
Mehr lange Fehlzeiten: In Schleswig-Holstein fehlten im ersten Halbjahr des Schuljahres 2024/25 rund 2.770 Kinder und Jugendliche mehr als 40 Schultage. Im Vorjahr waren es etwa 2.260.
Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Kind – und meistens auch ein Morgen im Flur.
Quellen: Deutsches Schulbarometer 2025, Robert Bosch Stiftung (Bericht der Pharmazeutischen Zeitung, 18.03.2026) · Zahlen aus Schleswig-Holstein nach Berichten von WDR und dpa (heidelberg24)

