Nur zwei Straßen weiter

Dein Kind möchte zum befreundeten Kind gehen, zwei Straßen weiter, den Weg kennt es längst, und eigentlich habt ihr ihn schon oft gemeinsam zurückgelegt. Trotzdem stehst du an der Tür und überlegst, ob du nicht doch mitgehen solltest. An der Ecke ist diese Ausfahrt, vielleicht vergisst es, nach links und rechts zu schauen, und überhaupt: Du könntest es doch schnell hinbringen, dann weißt du wenigstens, dass es gut angekommen ist.

Falls du dich hier wiedererkennst, bist du in guter Gesellschaft, denn natürlich möchtest du dein Kind beschützen. Die Frage, die mich in meiner Arbeit mit Familien immer wieder beschäftigt, ist allerdings, welche Art von Schutz einem Kind hilft, sich zunehmend sicher in seiner Welt zu bewegen, und wann unsere Fürsorge ihm unbemerkt Erfahrungen abnimmt, die es dafür braucht.

Besonders in den Jahren zwischen Vorschulalter und beginnender Pubertät wird die Welt unserer Kinder größer. Mit jedem neuen Weg, jeder Freundschaft und jeder kleinen Aufgabe stellt sich deshalb auch für uns Eltern die Frage, wie viel Begleitung gerade nötig ist und wo wir bereits ein wenig zurücktreten dürfen.

Mit Superman-Anzug aus dem Kreißsaal

Eltern haben heute eine Menge zu leisten, zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man sich anschaut, was eine gute Mutter oder ein guter Vater vermeintlich alles können sollte. Wir sollen geduldig sein, informiert, liebevoll, konsequent, beruflich möglichst erfolgreich und selbstverständlich jederzeit in der Lage, die Bedürfnisse unseres Kindes zu erkennen, am besten schon, bevor es selbst etwas davon bemerkt hat.

Mit der Geburt scheint man nicht nur einen Superman-Anzug überreicht zu bekommen, sondern auch die Verpflichtung, für jede Entwicklungsfrage eine wissenschaftlich ausgereifte Antwort bereitzuhalten. Ein bisschen viel Ausstattung für Menschen, die gerade erst anfangen, Eltern zu sein, findest du nicht?

Meine Großmutter sagte immer, mit dem Kindererziehen werde man von Kind zu Kind besser. Ich denke oft an diesen Satz, weil darin so viel Erlaubnis zum Lernen steckt. Wobei natürlich auch das zweite Kind plötzlich etwas ganz anderes brauchen kann als das erste, selbst wenn beide dieselben Eltern haben und wir eben noch dachten, den Dreh nun endlich herauszuhaben.

Aus dem verständlichen Wunsch, alles gut zu machen, kann jedenfalls eine Fürsorge entstehen, die Eltern dauerhaft erschöpft und Kindern kaum noch Gelegenheit lässt, etwas selbst herauszufinden.

Wenn wir schon vor dem ersten Schritt bereitstehen

In meiner Praxis erlebe ich häufig Eltern, die sich unglaublich anstrengen, ihrem Kind Sicherheit zu geben, indem sie möglichst immer anwesend sind, alles begleiten und Schwierigkeiten frühzeitig aus dem Weg räumen. Bildlich gesprochen stehen sie bereits quer auf der Straße und halten den Verkehr an, bevor ihr Kind überhaupt am Bordstein angekommen ist.

Dieses Bild ist bewusst überzeichnet, und selbstverständlich gibt es Situationen, in denen wir genau das tun müssen: eingreifen, schützen und Verantwortung übernehmen. Wenn wir jedoch auch bei Aufgaben, die ein Kind mit passender Vorbereitung bewältigen könnte, grundsätzlich vorauseilen, bleibt ihm wenig Raum, das eigene Können kennenzulernen.

Wer immer gebracht wird, übt den Weg nicht; wem jede kleine Schwierigkeit abgenommen wird, dem fehlt möglicherweise irgendwann die Erfahrung, selbst eine Lösung gefunden zu haben. Dabei kann unsere gut gemeinte Hilfe beim Kind eine Botschaft hinterlassen, die wir überhaupt nicht beabsichtigt haben: Offenbar trauen die Erwachsenen mir das allein noch nicht zu.

Das eigene Können muss erlebbar werden

Ein wichtiger Begriff ist hier die Selbstwirksamkeit, also die Erfahrung, mit dem eigenen Handeln etwas bewirken zu können. Ein Kind erlebt sie beispielsweise, wenn es sich selbst anzieht, an einer vertrauten Haustür klingelt oder einen eingeübten Weg bewältigt und anschließend merkt, dass seine Aufmerksamkeit und seine Entscheidungen dazu beigetragen haben.

Aus solchen Erfahrungen kann Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wachsen, wobei es keineswegs darum geht, dass immer alles auf Anhieb gelingen muss. Auch eine Schwierigkeit, für die das Kind mit etwas Unterstützung eine Lösung findet, kann ihm zeigen, dass es handlungsfähig bleibt.

Damit verbunden ist die intrinsische Motivation, dieser von innen kommende Wunsch, etwas auszuprobieren, zu entdecken und selbst zu können. Wenn Erwachsene vieles vorwegnehmen, kann dieser Antrieb verkümmern, weil sich das Kind daran gewöhnt, dass die Eltern organisieren, entscheiden, erledigen und die Bahn freimachen.

Es hilft also, im Alltag hinzuschauen, wo ein Kind selbsttätig werden möchte und kann.

„Das ist doch normal …“

Viele Eltern sind dabei allerdings selbst in einem Alltag unterwegs, dessen Tempo ihnen kaum noch auffällt. Vor allem im Großstadtleben greifen Beruf, Schulwege, Termine, Haushalt und ständige Erreichbarkeit so eng ineinander, dass wir oft erst dann bemerken, wie viel wir leisten, wenn jemand von außen mit uns darauf schaut. Wir stecken mittendrin, organisieren weiter und halten selbst das Leben am Anschlag irgendwann für ganz normal.

In meiner Beratung erlebe ich das oft, wenn ich Eltern einmal zurückspiegele, wie ihr Tag eigentlich aussieht, welche berufliche Verantwortung sie tragen und was sie nebenbei für ihre Familie alles bewältigen. Häufig schauen sie mich mit großen Augen an und sagen sinngemäß: „Aber wieso? Das ist doch normal, andere Eltern arbeiten doch auch.“ Selbst bei dieser enormen täglichen Leistung bleibt bei manchen noch das Gefühl, eigentlich nicht genug zu tun.

Genau darin liegt für mich ein Teil des Problems, denn was uns selbstverständlich geworden ist, hinterfragen wir kaum noch. In einem so dicht gefüllten Tag erscheint es oft als einzig praktikable Lösung, dem Kind schnell die Schuhe anzuziehen, seine Tasche zu packen oder es eben hinzufahren, obwohl es manches davon bereits selbst versuchen könnte. Das ist nachvollziehbar, und zugleich braucht das eigene Ausprobieren genau die Zeit, die im Ablauf kaum noch vorgesehen ist. Deshalb lohnt sich neben dem Blick auf das Kind auch ein liebevoller, ehrlicher Blick auf unseren Alltag und die Frage, wo wir überhaupt Raum für sein Tempo schaffen können.

Auch „Du schaffst das!“ kann zu viel sein

Nun wäre es allerdings ein Missverständnis, aus diesen Gedanken ein neues Erziehungsprogramm zu machen und Kinder fortan mit aufmunternden Zurufen durch jede Unsicherheit zu schicken. Ein ständig wiederholtes „Du schaffst das!“ kann ein Kind ebenso unter Druck setzen, wenn es gerade erlebt, dass die Aufgabe tatsächlich zu groß ist.

In meiner Familien- und Erziehungsberatung schaue ich deshalb sehr genau darauf, welches Kind vor mir steht, welche Erfahrungen es mitbringt und was es in seiner aktuellen Situation braucht. Ein vorsichtiges Kind benötigt möglicherweise mehr gemeinsame Übung, während ein anderes längst bereit ist und eher unter unserer Zurückhaltung leidet; manchmal verändert sich dieser Bedarf auch nach einem belastenden Erlebnis wieder.

Für Sicherheit gibt es keine Schablone, die wir nur im richtigen Alter anlegen müssten. Entscheidend ist, ob die Herausforderung zum Vermögen des Kindes passt und ob Unterstützung erreichbar bleibt, wenn es sie braucht.

Wenn der Akku leer ist

Auch die Möglichkeit, den Aufenthaltsort eines Kindes per GPS-Uhr zu verfolgen, gehört inzwischen zum Familienalltag. Ob eine Familie diese Technik nutzen möchte, entscheidet sie selbst; darüber möchte ich nicht urteilen.

Mich beschäftigt etwas anderes: Was passiert, wenn aus so einer zusätzlichen Möglichkeit eine Bedingung wird – also wenn ein Kind ohne Ortung gar nicht mehr allein gehen darf. Sobald der Empfang ausfällt oder der Akku leer ist, kann die gewohnte Beruhigung plötzlich fehlen, obwohl sich an der tatsächlichen Situation des Kindes zunächst gar nichts verändert haben muss.

Hilfreich ist es deshalb, unabhängig von der Technik gemeinsam zu überlegen, welche Wege das Kind kennt, an wen es sich wenden kann und was ihr vereinbart, falls etwas anders läuft als geplant. Wenn solche Absprachen eingeübt sind, hängt das Vertrauen weniger davon ab, ob gerade ein Punkt auf dem Display zu sehen ist.

Der Bewegungsradius darf mitwachsen

Wie ein nächster Schritt aussieht, hängt vom Kind und seiner Wohnumgebung ab. Vielleicht besucht es zunächst das Nachbarkind im selben Haus, später im Haus nebenan, oder es geht einen vertrauten Abschnitt des Schulwegs mit anderen Kindern, nachdem ihr ihn gemeinsam geübt habt.

An einer unübersichtlichen Kreuzung braucht es andere Voraussetzungen als auf einem verkehrsfreien Weg, und die Begleitung durch ältere Kinder ersetzt nicht automatisch die nötige Einschätzung der Erwachsenen. Ein festes Alter allein sagt deshalb wenig darüber aus, welcher Weg bereits passt.

Der Austausch mit anderen Eltern kann dabei hilfreich sein, etwa um gemeinsame Schulwege zu verabreden oder Erfahrungen aus derselben Wohngegend zu teilen. Was die Mehrheit der Klasse schon darf, muss allerdings noch lange nicht der richtige nächste Schritt für dein Kind sein.

Unsere Angst darf mitlernen

Wenn Eltern mir erzählen, was ihrem Kind unterwegs alles passieren könnte, nehme ich diese Sorge ernst. Gleichzeitig gehört zu meiner Arbeit manchmal die unbequeme Frage, wie gut die befürchtete Gefahr zur konkreten Situation passt und welchen Anteil unsere eigene Angst daran hat, dass ein nächster Schritt immer wieder verschoben wird.

Schreckliche Nachrichten können sehr nah wirken, auch wenn sie uns noch keine verlässliche Einschätzung eines bestimmten Schulwegs ermöglichen. Umso hilfreicher ist es, die tatsächlichen Bedingungen anzuschauen und sich zu fragen, welche Vorbereitung nötig ist und welche Unsicherheit wir trotz guter Vorbereitung aushalten müssen.

Auch Eltern brauchen dabei manchmal Begleitung, denn loszulassen bedeutet, auf einen Teil der vertrauten Kontrolle zu verzichten. Das darf Schritt für Schritt geschehen, genauso wie das Selbstständigwerden unserer Kinder.

Die warme Hand im Rücken

Wenn ich beschreiben soll, wie sich hilfreiche Begleitung für mich anfühlt, denke ich an eine warme Hand, die ganz leicht am unteren Rücken liegt. Das Kind spürt unseren Rückhalt und hat zugleich vor sich den Raum, in den es mit den eigenen Füßen hineingehen kann.

In einer anderen Situation braucht es uns deutlich vor sich, präsent und schützend, weil etwas tatsächlich zu viel oder zu gefährlich ist. Diese Unterscheidung immer wieder neu zu treffen, gehört für mich zum Kern von Erziehung und zu dem, was ich mit Eltern gemeinsam anschaue.

Vielleicht darfst du dich deshalb beim nächsten kleinen Schritt fragen, welche Unterstützung dein Kind jetzt braucht und was du ihm bereits zutrauen kannst. Du musst dabei weder jede Unsicherheit beseitigen noch beweisen, wie selbstständig dein Kind schon ist.

Meine Mutter sagte früher zu mir: „Liebe Kaja, die Welt ist voller Gefahren, und an jeder Ecke lauert Rettung.“ Ich mag diesen Satz bis heute, weil er die Schwierigkeiten des Lebens ernst nimmt und zugleich den Blick dafür öffnet, dass wir Hilfe finden und Wege entdecken können, die wir vorher noch nicht kannten.

Lass uns gemeinsam hinschauen

Wenn du dich fragst, wo dein Kind mehr Rückhalt braucht, wo es bereits eigene Schritte gehen könnte oder wie du mit deiner Sorge umgehen kannst, begleite ich dich dabei gern. In meiner Familien- und Erziehungsberatung schauen wir auf eure konkrete Situation und entwickeln Schritte, die zu deinem Kind und zu euch als Familie passen.

Wenn dein Kind morgens gar nicht mehr zur Schule gehen mag, findest du in meinem Artikel über Schulverweigerung bei sensiblen Kindern weitere Gedanken dazu.

Du bist herzlich zu einem kostenlosen Erstgespräch eingeladen, am Telefon, per Video oder bei mir in Hamburg-Klein Borstel.

Herzlich,
Kaja Gerbig
The Family Bliss · Elternberatung in Hamburg und online
kaja@gerbigmail.com

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Schulverweigerung bei sensiblen Kindern: Wenn der Schulweg zur Hürde wird